Am Bildgeschmack kann man sie erkennen ?

Man kann über Geschmack zwar nicht streiten, doch zeigen die Vorlieben für bestimmte Bilder und das Reden darüber sehr deutlich, wen man vor sich hat.
Die Kenntnis des Zusammenhangs von Geschmack und sozialer Stellung in der Gesellschaft, vom Herkommen und der Vorstellung, was welchen Wert hat, ist in der Soziologie altbekannt.
Für die Photographie kann man dies auf den Bildgeschmack reduzieren, der ein Teilbereich des allgemeinen Kunstgeschmacks ist. Hier wie da ist die Stilbreite zwischen figurativ und abstrakten, die Breite der Möglichkeiten von gegenständlicher und nicht-gegenständlicher Interpretation ebenso groß, wie die Wahl mit realistischen oder surrealistischer Darstellung die reale so wie die ideelle Welt darzustellen.
Diese Wahlmöglichkeit entscheidet über die Zuordnung zu einem vorherrschenden Bildgeschmack in den sozialen Schichten (Pierre Bourdieu spricht von Klassen, ich lieber von Clustern), während zugleich diese Hinwendung etwas aussagt über die Möglichkeiten, die die Elterngeneration beim Erwerb einer Distinktion ihren Kindern mitgeben. Mit diesem Erwerb gemeint ist die Fähigkeit sich der Unterscheidungen innerhalb von Bildstilen bewusst zu sein und zugleich die vererbten Merkmale des Geschmacks als solche zu erkennen.

Tatsächlich hat die soziale Stellung innerhalb einer Gesellschaft sehr viel mit dem Bildgeschmack zu tun, so wie Bildung in einem Zusammenhang steht mit der Möglichkeit, die eigene soziale Stellung selbst bestimmen zu können. (Für bestimmte, eher „linke“ Theoretiker findet diese Wahl eine deutliche Begrenzung in der Verteilung des Kapitals und deren Verfügbarkeit.)
Doch unbenommen kann gelten: Das Herkommen entscheidet über den Bildgeschmack.
Ob jemand auf der Suche nach dem Bild zeitlebens das Konkrete und Gegenständliche favorisiert, oder jemand anderes die realistische Abbildung als Möglichkeit nutzt, um Reales zu hinterfragen, auch, in wie weit die Andeutung oder das Wiedererkennen des Realen reduziert wird auf das unbedingt nötige, um darüber hinaus weisend, zu ideellen Werten zu finden. Beispielsweise, Fotos weisen über die reale Abbildung hinaus auf das Ideelle, auf „Treue“ (Hochzeitsfotos), „Wertigkeit“ (Besitzfotos), „Bildung“ (Naturaufnahmen) und „Erkenntnis“ (Selbstporträt), zeigen über Reales hinaus auf Zusammenhänge, die jene Impulse sichtbar werden lassen, die mit jede Bildproduktion verbunden sind.
Es gibt keine Bildproduktion ohne Absicht. Kein Foto entsteht ohne inneren Impuls der zur Kamera greifen lässt, gleichgültig, ob man sich dessen bewusst wird oder nicht. Und diese Reduzierung auf den Impuls, also jene Wahl die jemand trifft, um ein Objekt als Motiv in ein Bild zu fassen, lässt erkennen, vom welchem Lebensgefühl durchdrungen ein Fotograf oder eine Fotografin sich zu welchen Werten bewusst oder unbewusst bekennt. Nicht nur das durchdachte und zielstrebig erarbeitete Foto entsteht mit Hilfe von Absichten, auch der Schnappschuss auf einer Party entsteht, um zumindest ein Dokument vom Geschehen zu produzieren. Darüber hinaus kann ein solches Foto über die Eigenschaft eines Dokumentes eine weiter reichende Bedeutung gewinnen, kann der Pflege der sozialen Beziehungen dienen, schon weil man die Menschen seiner Umgebung für ein Foto auswählt, und ebenso, weil die Verteilung der Fotoproduktion zum Beleg der Zuwendung wird. (Entsprechend der Bedeutung, die ein Foto selbst in einer Welt der unendlichen Bilderschau gewinnt, wird jemand, der immer und überall eine Kamera hervor holt, weniger Anerkennung finden, da die Bildproduktion den Anschein der Beliebigkeit gewinnt. - Dann bedeutet es nichts von diesem oder jener fotografiert zu werden.)

Der Erwerb eines Bildgeschmacks ist vom elterlichen Herkommen abhängig, wie von den Möglichkeiten über die eigenen Beschränkung hinaus zu finden, gleichgültig wie viel jemand fotografiert. Doch der erworbene Bildgeschmack „sitzt“ nicht so sicher, wie der des Herkommens, denn dessen, dass man sich bewusst angeeignet hat, kann man sich in einem neuerlichen Akt auch entledigen. So entstehen Vorlieben oder Moden der Bildproduktion, die als „Schaffensphasen“ bezeichnet werden können. Dem ungeachtet beschreibt das familiäre Herkommen nicht nur den Ausgangspunkt, sondern auch den Weg, den der Bildgeschmack nimmt. Denn die Aneignung der Distinktion unterliegt beschreibbaren Wegen. Diese sind nicht einheitlich, da die Ausgangsmöglichkeiten der sozialen Stellung, die man im familiären Herkommen und als Einzelwesen einnimmt, entscheidet darüber, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, sich der feinen Unterschiede in der fotografischen Bildproduktion bewusst zu sein.
Aber es ist nicht die Fähigkeit die Unterschiedlichen von Bildstilen aufzählen und erkennen zu können, die entscheidend ist für die Vorliebe für bestimmte Motiven und Stile. Es ist die Fähigkeit auf ein gesellschaftliches Ausbildungssystem zugreifen zu können, um durch die Sprache nachzuweisen, dass „man dazu gehört“, zu denjenigen, die mit den Begriffen der Kunst sich selbst und die anderen Bildproduzenten einordnen zu können.

Dabei ist vieles in der Bildproduktion der Photographie davon bestimmt, dazu gehörten zu wollen. Man möchte mit den eigenen Fotos ernst genommen werden und reagiert auf diejenigen zuerst, die pauschal abqualifizieren, die das Dazugehören versagen wollen.
Anders als in der bildenden Kunst kennt die Photographie den Blick auf die Werkzeuge. Für die eher Unbedarften, dass sind jene, die sich der Begriffe der Kunst nicht sicher sind, ist das Wissen von der Wahl der Werkzeuge mit denen der Bildprodukte verbunden, ist es eine wesentliche Stütze bei der Meinungsfindung, ob und von welcher Qualität ein Foto sei. Dieser Blick auf die Technik lässt erkennen, welche Hilfsmittel zur Beurteilung hinzu gezogen werden. Wer solches Erkennen lässt, also offensichtlich die Frage nach der Technik heran zieht zur Meinungsbildung, welch Kamera/Objektiv/Papier…, um etwas zum Bild zu sagen, gibt sich als unfähig zu erkennen, die vom Kunstbetrieb beherrschenden Begriffe und Meinungen erlernen zu können, schon weil man diese Sprache offensichtlich nicht versteht.
So bleiben alle jene ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Verständnis dessen, was als Kunst erkannt wird, denen durch Herkommen und Defizite die Aneignung der Konventionen zur Durchdringung der fotografischen Kunstbegriffe fehlt. Und im Rückschluss: Weil das Verständnis desjenigen Wissens fehlt, dass die eigenen Fotos verorten kann in sozialen (historischen) und kulturellen (ökonomischen) Zusammenhängen, fehlt gleichfalls die Fähigkeit über die eigene Bildproduktion dem Kunstbetrieb geeignete Anhaltspunkte zur Einordnung vorzugeben. – Dies ist mir eine Begründung dafür, warum der akademische Betriebs so wesentlich zur Legitimation einer Kunstproduktion beiträgt.

Wer aus dem Akademischen nicht hervor treten kann, hat kaum Möglichkeiten sich einen umfassenden Eindruck vom historischen oder zeitgenössischen Kunstbetrieb und seiner Begriffe zu machen. (Die „linken“ Theoretiker erklären die ökonomischen Beschränkungen als maßgeblich für den fehlenden Zugang zu den Leistungen der Kultur, da der Erwerb des Wissens, wie auch der der Kunstobjekte im wesentlichen ökonomisiert ist.) Was im Alltag nicht nützlich ist, also, wenn Objekte „lediglich“ einen ästhetischen Wert haben, sind diese unter dem Zwang des ökonomischen Denkens und Handelns nicht von Bedeutung. So bleiben im Alltag Fotos relativ beliebe Produkte. Sie werden gemacht und abgelegt. Vielfach werden Fotos auch wieder gelöscht, zum Beispiel, wenn die Speicherkarte des Handys voll ist.
Die „gestandenen oder angehenden Intellektuelle,“ (Bourdieu) bevorzugen die seltenen Motive. In der Aneignung und der anschließenden Selbstdarstellung erkenne sie den Wert der Fotos. Hier finden sich Fotografen, die nach den besonderen Motiven suchen, jenen, die nicht jeder machen kann. Reisefotos sind hierfür ein typisches Beispiel. Wie endlos lässt sich darüber reden, was warum und unter welchen Bedingungen ins Bild gesetzt wurde. Das Foto wird zum Interieur von Bildung und eine Selbstinszenierung, die auf die Möglichkeiten des möglichen ökonomischen Potenzials hinweist.
Die herrschende Fraktion des Kunstbetriebes versichert sich schon bei der Wahl des Auftritts jener Exklusivität, die mittels der ökonomische Faktoren alle ausschließen kann, die den Zusammenhang von Ausgaben (Eintrittsgeld, Verkaufspreis) und des „kulturellen“ Gewinns scheuen. Fotografen die dazu gehören, werden vom Kunstbetrieb in diesen Zusammenhänge gehoben. Nur sie haben einen echten Zugang zum Kunstbetrieb und werden in ihrer Begriffswahl ernst genommen.
Dagegen, wie kläglich erscheinen jene, die als Autodidakten an den nur stellvertretenden Plätzen des echten Kunstbetriebes mit ihrem Wissen reüssieren wollen. Überall sieht und hört man jene, die an unbedeutenden Orten, beispielsweise kleinen Galerien und lokalen Museen, möglichst beiläufig, vollkommen überzogen, sprachliche Formeln vorgeblicher Zugehörigkeit vortragen.

Für die Photographie bedeutet das alles, die eigene Bildproduktion ernst zu nehmen, als Ausdruck des Ichs akzeptieren zu können. In diesem Sinne wird es unbedeutend, ob man sich mit gegenständlichen oder abstrakten Fotos beschäftigt. Wesentlich bleibt die innere Bewegung anzuerkennen, die zu einem Bild führt. Wer darauf aufsetzend zusätzlich die Sujets interpretiert, sich solchermaßen an den Regeln des Kunstbetriebes orientiert oder daran reibt, schafft individuelle Bilder und entledigt sich des Zwangs in eine Schublade gehören zu müssen.
Man erreicht in der Photographie die höchsten Weihen des Kunstbetriebes, wenn das „authentische Herkommen“ des Fotografen oder der Fotografin als Ausweis von Individualität zum Gegenstand der Diskussion wird.

© 2007 Adrian Ahlhaus. All rights reserved.

2 Responses to “Am Bildgeschmack kann man sie erkennen ?”

  1. Bildgeschmack und Klassentheorie Says:

    [...] So beginnt Adrian Ahlhaus seinen Artikel über Bildgeschmack und Klassentheorie. Fazit: Am Bildgeschmack kann man sie erkennen oder auch nicht. Dieser verändert sich nämlich im Laufe der Zeit und und hat viel mit dem laufenden Kunstbetrieb und den herrschenden gesellschaftlichen Normen wie zum Beispiel Statussymbolen zu tun. Die dem Artikel zugrunde liegende Information haben wir alle schon geahnt. Aber in dieser Ausführlichkeit ist seine Betrachtung wirklich lesenswert. [...]

  2. Ausgefallene Geschenke Says:

    Sehr schöner Artikel! Unbewusst war mir das irgendwie klar, aber in dieser Ausfühlichkeit bekommt es eine ganz neue Dimension.