Die Angst nach dem Auslösen
Der Blick über den Tellerrand meiner plakativen Wiedergabe dessen was in der Photographie mich bewegt und von dem ich annehme das es anderen ebenso geht, dieser Blick auf die (meine) Welt der Photographie wird relativiert mit der Blogroll. Darin zusammengetragen sind jene Stimmen die vollkommen anders sind als die meinige. Andere Sichten, andere Interpretationen und Stimmungen, die wie ein großer Becher caffè lungo - Espresso mit viel Wasser, die italienische Variante von deutschem Kaffee - meine Sinne zu Neuem anregt, aus dem Schlaf, jener Welt der Selbstbezogenheit wie der freiwilligen Begrenzung zum Blick in den Horizont führt, wie dies jeder Bericht über die Welt außerhalb der eigene Sinne vermag, zu einem neuen Geschmack an Mund und Denken führt und deshalb hoch geschätzt ist.
Jeder Eintrag in meine Blogroll erweitert die Bandbreite der Stimmungen und stellt eine Sammlung höchst unterschiedlicher Stimmen dar, die fast immer gänzlich andere Thermen ihr eigen nennen können, als jene die mir zufallen, für die ich empfänglich bin.
Im Februar veröffentlichte das thematisch vielfältige Blog “urbandesire.de” zur Fotografie einen Artikel über “Die Angst danach” mit dieser für das gesamte Blog typischen, leichten Nachdenklichkeit verwortet, mit wenigen aber feinen Pinselstrichen aus Buchstaben gemalt - im Gegensatz zu meinem bisher breitquastigen, unübersehbaren Pinsel des Ausdrucks - las ich einen knapp gefassten und eindringlichen Text über jenes Gefühl, das nach wichtigen Aufnahmen mich ins bodenlose fallen lassen kann, gleich einem Alptraum, aus dem ich erst erwache, wenn die Bilder auf dem Monitor alle Ängste fortwischen.
Die Angst nach dem Auslösen kenne ich seit meiner handwerklichen Ausbildung.
Zuvor - vor dem Beginn meiner Professionalisierung - war es die reine Freude am Blick durch den Sucher, die Entdeckung des selbst gewählten Rahmens in den ich die Objekte der Welt nach belieben steckte und solchermaßen mit einer Kamera bewehrt die Interpretation als meinen ureigenen Zugriff darauf, ja sogar gelegentlich als Ausdruck der Macht über meine noch recht kindliche Welt erfuhr, dass ich schon darin satt wurde die umgebende, nahe Welt zu erleben. Die nach Tagen greifbaren papiernen Bilder oder Dias bedeuteten den Rückgriff auf längst bewältigte Erlebnisse, waren schöne Erinnerungen an die Momente der kreativen Aneignung.
Mit dem Beginn der beruflichen Orientierung, die meine Aufnahmen in das enge Korsett der gewerblichen Verwertbarkeit pressten und als fremdbestimmte Orientierung eine neue Sicht auf das eigenen Tun erzwangen, war meine Aneignung, richtiger Eroberung der Welt dermaßen radikal fortgewischt, dass zwischen gewerblicher und privater Bildproduktion nur ein einziger, einheitlicher Maßstab von Qualität dominieren konnte. Die gewerbliche Hinwendung gewann, denn darin, dem Zuspruch der baren Münze, darin drückte sich die fotografische Wertigkeit nun aus und würde mich zwar immer wieder mal loslassen, jedoch, im so empfindungs-gewaltigen Loslassen von der alten Freiheit war es für mich unumgänglich in Gänze einer einzigen Sache anzuhängen. Alles in meiner Welt hieß von nun an “Photographie” und ich wurde zu ihr, wie die Bedingungen der Profession mir konkret begegneten.
Ich sah und dachte in Bildern. Der Blick aus dem Busfenster wurde ein Foto, gerahmt von schwarzem Gummi. Konnte ein solcher Augenblick ein besonderes Bild offenbaren? Der Blick in den Himmel schätzte die Wolkenbilder und ihre Dramatik, oder die erkennbaren Möglichkeiten diesen Himmel mithilfe von Ausschnitt und Filter dramatisieren zu können. Reichte die Dynamik eines Filmes für ein bestimmtes Gegenlicht, oder auf welche Bildbereiche konnte gegebenenfalls durch Weglassen verzichtet werden? Was würden die möglichen Betrachter zu diesem oder jenem Bild sagen? Wie würde es aus dem Blick der Anderen verstanden werden?
Die Anderen, das waren die Kollegen und ihr Blick auf meine fotografische Tätigkeit. Recht schnell eroberte ich mir das Studio. Schwer tat ich mich mit der Ausarbeitung. Der Qualitätsmaßstab für die technische Seite eines Bildes war und ist einfach: alle Tonwerte “drauf”, scharf abgebildet was wichtig ist. Der gestalterische Maßstab war nach einer kurzen Orientierung vollzogen. Porträts wurden mit eindeutigen, zeitgemäßen Stilmitteln betrieben und die zahlende Kundschaft war damit zufrieden. Neuerungen im Stil wurden aufgesogen solange keine Brüche mit den Konventionen entstanden. Meine gelegentlich ausbrechende Experimentierfreude wurde durch die unumgängliche Auseinandersetzung mit dem gefälligen Geschmack wieder zurück geholt. Kurz, ich eignete mir innerhalb eines Jahres die Professionalität der Aufnahme an. “Innenräume” und “Bauteile” hießen meine neuen Freiheiten, denn hierin war jede Aufnahme eine Auseinandersetzung mit Licht und Material, blieb ohne Unwägbarkeiten menschlicher Kapriziertheit.
Weitaus unbestimmter war der Prozess papiernen Bilder. Wann wurde ein Papierbild wirklich gut? Wo steckten die Tonwerte eines Porträts, die im grün-gelben Licht des schwarz-weißen Bilder erschaffens zur Entscheidung zwangen, gefußt auf dem untrüglichen Blick für den entscheidenden Moment weniger Sekunden? Änderte man im Zweifelsfall die Gradation oder nur die Belichtungszeit? Und dann mussten die Bilder trocknen. Wieder sah alles ganz anders aus. Wenige Sekunden im Labor entschieden. Jede Fotolaborantin und -laborant schien diese Entscheidung besser und weitaus leichter treffen zu können, als ich dies vermochte.
Dagegen, wie einfach war die Beherrschung eines Diafilms. Die Kontraste wurden gemessen, die Beleuchtung angepasst, man wusste um die farbliche Eigenheiten des Materials und das war’’s. Noch einfacher ließ sich das farbige Negativmaterial für Porträts händeln.
Doch das Warten, das war entsetzlich. Stimmte das Ergebnis mit den Vorgaben überein? War ich so gut, wie ich noch während der Aufnahme sicher war? Eine Drittel Blende konnte bei Dias über Hui oder Pfui entscheiden, veränderte die Farben auf einem farbigen Negativmaterial. Und immer war nicht ich es der das letzte Wort hatte. Es war und blieb beim Meister, der meine Arbeit gegenüber den Kunden vertrat. Es war eine sehr schmerzhafte Erfahrung, dass so manches Bild über die Ladentheke ging, in dem Besseres steckte als das was sichtbar wurde. Erst spät akzeptierte ich, was als “gut genug” die gewerbliche Tätigkeit bestimmt. Kein Kunde bezahlt den Mehraufwand, sondern das Ergebnis.
Doch immer blieb mir die Beunruhigung nahe, dass das eigene Schaffen einen Einbruch erfahren kann, die gestellten Anforderungen an den Produktionsprozess von mir nicht erfüllt werden, das Ergebnis abfällt. Unzufriedenheit und Zweifel stellten sich nach der Mitte der dreijährigen Ausbildung ein. Die Angst vor dem beunruhigen Warten auf die Ergebnisse wurde zur täglichen Qual. Die Unbekümmertheit, ja sogar Abenteuerlust, mit der ich die Aufgaben meiner Profession anfänglich anging, war einer täglichen Qual gewichen. Längst hatte ich meinen Maßstab selbst gewählt was ein technisch und gestalterisch gutes Bild sein konnte. Wenn andere zufrieden gestellt waren, mich trieb das Wissen um die Möglichkeiten und die Begrenzungen an, innerhalb von fest gefügten Arbeitszeiten und dem vertretbaren Aufwand einen Liefertermin halten zu müssen, unter allen Umständen.
In der Berufsschule machte ich es mir leicht. Genug war genug, der Rest blieb der Entspannung, dem Blick aus den Fenstern der Klasse, der Lektüre des Playboy, Fotomagazinen und anderen sichtbaren Entspannungen vorbehalten. Was für ein Gegensatz, der Überflieger der Berufsschulklasse mit dem Wissen um die eigenen und weit reichenden theoretischen wie praktischen Kenntnisse nahm sich Freiheiten beteiligt zu sein oder nicht und gab sich mit mittelmäßigen Noten zufrieden, während tags zuvor wie auch tags darauf im Bauch die Zweifel wühlten. Um die Freiheiten weiter genießen zu können erlaubte ich mir zur Halbzeit in der Klasse festzustellen, das von nun an ich keine schriftliche Arbeit mit einer schlechteren Note denn “gut” abgeben würde. Mein Freiheit kannte zwar Grenzen sozialer Art, war aber nun auf Dauer gesichert.
Die Arbeitszeit im Betrieb wurde zur täglichen Qual. Da gab es nur noch die Pflicht sich täglich dem Warten auf die Ergebnisse zu stellen. Ich hasste die Negativ- wie die Positiventwicklung. Ich wollte die Ergebnisse sehen, nicht Warten müssen, meinen Zweifeln nicht die Zügel der beruflichen Disziplin anlegen müssen. Alles wurde immer schwieriger. Meine fotografische Welt reduzierte sich zunehmend auf Zwänge. Die Freiheit einen Rahmen setzen zu können, wurde zur Zwangshandlung mit Beginn des Tages, sobald meine Augen offen waren. Ich fuhr Auto, weil es mich ablenkte vom bewussten Sehen - Wer sieht die Menge von Schildern alle ganz bewusst? Man würde verrückt. Ich nahm den Zug und schaute nicht mehr aus dem Fenster, um keine Rahmen zu sehen, keine einzelne Gehöfte in einer bäuerlichen Landschaft, über denen Wolken sich aufgebaut hatten. - Ich war verrückt.
Nach der Ausbildung nahm ich ein ganzes Jahr keine Kamera zur Hand.
Die Angst vor dem Ergebnis ist zur Unruhe gewandelt -zumeist. Man mag es Ungeduld nennen. Doch eigentlich ist es dafür zu unbestimmt. Noch immer kann in der Photographie alles passieren. Der Moment der Aufnahme ist weiterhin die Entscheidung für die Interpretation von Licht und Material und Ausschnitt, bleibt jenseits aller Geräte die Entscheidung für eine bestimmte technische Umsetzung und die dermaßen gewählten Einschränkungen.
Was ich dazu gewonnen habe ist das Wissen und die Erfahrung, aus denen ich schöpfen kann, um beruhigter zu sein, dass die Aufnahmen gelingen werden. Das gewachsene fotografische Selbstbewusstsein hilft nun schon vorab leichter einzuordnen, wie ich an eine Aufnahme heran gehen sollte, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Und ich erlangte meine Freiheit zurück in einer selbst gewählten Umgebung nicht nur mit meinen Maßstäben, sondern der Freude am Entdecken neuer fotografischer Einblicke hingebend mich einfach in meinen Bildern zu entdecken.
Dabei bleibt die Beunruhigung wie ein im Hintergrund lauernder Kettenhund, immer wach und genau so an der eigenen Unfreiheit zerrend auf Dauer gefangen. Jedes neues Thema, Motiv oder Situation wird von mir offensiv, ja zupackend angegeben und weiß doch um die Zweifel, bis die Bilder zuhause ausgewertet werden können. Daran wird der Blick auf den Monitor vor Ort nichts ändern, wie im Studio die Frage offen bleiben wird, welche Möglichkeiten lassen sich in einer bestimmten Zeit mit einem festgelegten Aufwand noch ausschöpfen? Und hinterher bleibt die Selbstkritik. Daran ändern keine zustimmenden Meinungen etwas, wohl niemals. - Letztlich ist “gut genug” für mich nie ausreichend. Aber jedes neue Bild ist meine Chance den eigenen Begrenzungen zu entfliehen.
(c) 2008 Adrian Ahlhaus. Alle Rechte beim Autor.