Braucht die Fototechnik das Kleinbildformat?

Da ist sie wieder angefacht, die schwelende Glut in der Diskussion über Formate. Und nicht so wenige scheinen zu nahe am Feuer zu sitzen. Zu der Produktreihe eines Herstellers schrieb jemand: „..wen interessiert denn XXX oder gar ZZZ? Solang die noch auf ihren Cropsensoren rumrutschen wird das nie was.“
Oh ja, jetzt fehlen nur noch Kamelle, und der schrille Umzug der Stammtische kann beginnen. Im Vergleich zu solchen uferlosen Gedankenwelten wirkt jeder Christopher Street Day bieder und gesetzt. (Ja, auch diese Herren und Damen werden sichtbar älter.)
Gegen die Verwirrung in den Köpfen derjenigen, die ihre Sicht auf die Fototechnik allein vom Marketing der Herstellern eingetrichtert erhielten, wird nix helfen. Deshalb sollten jene Vertreter und Vertreterinnen dieses Denkens, oben zitiert, spätestens hier aufhören weiter zu lesen.

Im Grund ist das Gerede über das Für und Wider von Bildsensoren in der Größe von „Crop“, das sind die APS-C Formate, ist dieses nie beendet worden. Und es ist nützlich, denn es stellt einen Ausweg dar für die Folgen der Entwicklung in der Fototechnik. Tatsächlich beginnen die Leistungen der Bildsensoren sich immer mehr anzugleichen schon deshalb, weil die Marktdominanz dreier Anbieter dazu führt, dass überall deren Bilderzeuger in den Gehäusen stecken.
Näher betrachtet ist ein Unterschied in den Bildqualitäten von den Formaten ab der Größe der Crop-Bildsensoren aufwärts nur gering. Das wesentliche Merkmal, das Rauschverhalten, wird durch den Signalabstand festgelegt, also die Dynamik, messbar in dB. - Es geht um die elektronische Bildgebung, als Ausgangswert. Selbst der technische Unterschied von Einzelbild- und Videokameras ist mittlerweile gering. (Mit dem Bildprozesser „Mysterium“ für Videokameras des Herstellers „Red One“ und seinen 12 Megapixel je Einzelbild bei 60 Bildern pro Sekunde ist der Unterschied genau genommen lediglich in der Software zu finden, und in der Gehäuseform.)

Da passt es gut ins Geschäft, wenn das Denken aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wiederbelebt werden kann. Die derzeitige Diskussion hört sich vergleichbar derjenigen an, die von der Einführung der „Leica“ mit dem damals neuen Bildformat 24×36mm bestens bekannt ist. Bis in die siebziger Jahre hielt sich das Urteil, dass man mit jedem größeren Format als dem des Kleinbildes alles besser machen könne.
Und tatsächlich, rein technisch betrachtet hat das größere Format einige Vorteile -davon weiter unten mehr.
In der Praxis hat Größe auch jene Nachteile, die der Verbreitung der Photographie immer im Weg waren. Plattenkameras mit riesigen Formaten bestimmten vor hundert Jahren die Fototechnik, wurden der weniger guten Qualität der Aufnahmematerialien gerechter. Der Rollfilm existierte bereits, doch die Probleme mit der Planlage waren noch nicht behoben.
Das alles hielt sich sehr lange in der Diskussion. Erst in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Rollfilme mit den Formaten 6×9 cm und 6×6 cm als professionelle Materialien anerkannt, mit denen sich hochqualitative Bilder drucken ließen. Kleinbild hingegen war noch fast ausschließlich in den Konzepten für den Amateurmarkt realisiert, wurde erst in den Siebzigern zunehmend als Ausgangsmaterial für die Druckindustrie akzeptabel. (Die Filme waren deutlich besser geworden.) Der Nachwuchs wünschte sich eine Kleinbild-Spiegelreflex, schon da diese Systeme deutlich preisgünstiger waren als Mittelformate. Großbild in den Formaten von 9×12 cm bis 18×24 cm waren noch immer die üblichen Formate für Fotos der Druckindustrie, zum Beispiel für Versandhauskataloge.

Es kann nicht verwundert, wenn erst die Jahrgänge ab etwa 1980 weitgehend frei sind vom Denken in Formaten. Allerdings ist diesen Jahrgängen die Photographie weniger wichtig und Videotechnik gefragter, für die die kleinen Digicams schon herhalten können.
Die Frage um das Format ist auch, und darin wiederhole ich mich hier im Blog, ist eine Diskussion von „älteren Herren“, die wohl erfreut sind, ihre Jugendphase neu belebt, alte Urteile nicht wegwerfen zu müssen. Und so ist das Knäuel der Gedankengänge über Formate kaum noch aufzulösen, denn Vorurteile sitzen zäh.

Doch ohne die Trunkenheit, wie diese vom ungebremsten Konsum der Marketingsprüche erzeugt wird, sieht die elektronische Bildaufzeichnung derzeit ganz anders aus:
Der wichtigste Unterschied ist der von Einzelbild- und Videokameras und besteht in zwei Dingen.
- Da ist zuerst die Größe. Eine „Red One“ mit 12 MegaPixel ist ein Klotz, üblicherweise getragen auf der Schulter oder gehalten von einem massiven Stativ. Dagegen steht die 12 Megapixel-Spiegelreflex mit 10fachem Varioobjektiv. Diese können „alte Herren“ vor den Bauch sich hängen.
Es gäbe schon längst kleine Digicams mit erstklassigem elektronischen Suchern, 10fachen Varioobjektiven in Gehäusen für die Hemdentasche, wenn Herstellern den Einbau bereits erprobter Innovationen nicht ausbremsen würden. Doch schon die nächste Generation der Kameratechnik braucht selbst die APS-C-Formate nicht mehr, denn mit Einzelsensoren direkt auf der Oberfläche eines Bildsensors sind die (fast) telezentrische Bauweise der Objektive ebenso nebensächlich, wie die derzeit in den tieferen Schichten eines Bildsensors eingebettete Einzelsensoren und ihre Größe (Kleinheit) eine überholte Bauart darstellt. Dann, schon in ein paar Jahren (spätestens in vier), werden 2/3 Zoll große Bildsensoren das Maß der Qualität sein. Die Kameragehäuse werden entsprechend klein, der Unterschied von Einzelbild- und Videokamera wird für Hobbyisten verschwunden sein. Man sehe die heute überwiegend verkaufte Masse der Kamera an, es sind eindeutig die Digicams. Ohne Videofunktionen geht kein Gerät über den Ladentisch und das für die Hemdentasche.
-Der zweite Unterschied liegt darin begründet, weshalb auch ich schrieb und schreibe: Größe lässt sich durch nichts ersetzen. Objektive aus Glas haben physikalische Grenzen der Auflösung. Die Mikrostrukturen von kleinen Bildsensoren machen die Aufzeichnung hoch qualitativer Bilder extrem teuer – hoch qualitativer Bilder, nicht diejenige von Digicams.
Größere Bildsensoren lassen dem Objektivbau mehr Toleranzen bei der Fertigung. Deshalb ist das digitale Mittelformat so vorteilhaft, wenn es um die Bildqualität geht. Für die größeren Formate können die Toleranzen ab denen Objektive die Bildsensoren „ausbremsen“ besser eingehalten werden. Allerdings schon bei ISO 400 hören die Vorteile der großen Bildsensoren des Mittelformates auf. Dann verrauschen die elektrischen Störsignale jedes Bild deutlicher, als mit einem Crop-Bildsensor.
Es gibt mehr Gründe für größere Bildsensoren. So ist es möglich die Qualität selbst noch mit verstellbaren Objektiven zu sichern. Die mechanischen Verstellwege, also das Verschieben zu allen Seiten und das Kippen (Stichworte: Shift und Tilt) sind mechanisch sehr aufwendig und brauchen Materialstärke, um auf Dauer exakt und stabil einstellbar zu sein. Diese Funktionen sind im Arbeitsfeld der Architektur- und Sachfotografie häufiger notwendig. Da werden schnell mal einige Tausender zusätzlich fällig, wenn im digitalen Mittelformat ein Objektiv dazu fähig ist, siehe hier. Oder man nutzt spezielle Kameras mitsamt des notwendigen Zubehörs, derzeit im Gegenwert eines Mittelklassewagens. (Siehe dazu ALPA, LINHOF, PLAUBEL, SINAR…) Man sieht, hier werden die Besonderheiten der professionellen Photographie abgehandelt. Damit haben diejenigen, denen beim Denken die Zügel verloren gehen nichts zu tun, denn das sind erkennbar Hobbyisten, die um Anerkennung ringen.

Ein weiterer Grund für die wiederbelebte Diskussion um das Vollformat: Da in Einzelbildkameras mit Bildsensoren der Größen von FT bis Crop derzeit optische Systeme zur Darstellung des Sucherbildes genutzt werden - im Gegensatz zu den elektronischen Sucherbildern der professionellen Videokameras - und diese deutlich größer und schwerer sind wegen der optischen Wege, mit den Spiegeln, Prismen und Linsen mitsamt dem Spiegelkasten, ist Größe der Ausweg, um ein brauchbares Abbild des Bildausschnitts zu erhalten, mit dem die Schärfe sich beurteilen lässt. Die Sucherbilder von Crop-Kameras sind zwar deutlich besser geworden, doch zum Einstellen von Schärfe lässt sich Größe und Brillanz durch nicht ersetzen. - Zu nichts anderem dient ein großer, heller Sucher. Darum gab und gibt es lichtstarke Objektive bis zur Anfangsblende 2,8. Nur selten braucht jemand eine solch große Blendenöffnung für ein Foto. Aber die Sucher der Spiegelreflexe sind bei solchen Blendenöffnungen schön hell. Und deshalb waren sie in den siebziger Jahren bereits selbstverständlich für ein Standardobjektiv , typisch 1,7 oder 1,8 bei 50 mm Brennweite.

Nun ist das sogenannte „Vollformat“ von 24×36 mm verstärkt in die Diskussion als Format. Allerdings, jedes Format ist ein echtes „Vollformat“. Was soll es sonst sein? Natürlich, es gibt Kameras die lassen sich im Format umschalten. Es ist dann kein Vollformat, wenn ein Teil eines Bildsensors ungenutzt bleibt, zum Beispiel für ein 16:9 Format. Doch solche Kameras sind die Ausnahme (derzeit).
Was heutzutage und vermehrt missliebig als „Crop“ bezeichnet wird ist das Vollformat des 35 mm Kinofilms. (Den sieht man vergrößert und ohne jedes Unbehagen auf den Leinwänden von Kinos.)
Im Weitwinkelbereich stoßen die Konstruktionen von Objektiven für Crop schneller an ihre Grenzen. Randabfall des Lichts und farbige Konturen sind die bekanntesten negativen Begleiterscheinungen, die aber auch mit dem zu überbrückenden Spiegelkasten zu tun haben, wie auch mit den tief eingebetteten Einzelsensorten der derzeitigen Bildsignalgeber.

Was für Vorteile bietet das „Vollformat“?
Für die Nutzer bessere, weil größere Sucherbilder, solange dieses über ein optisches System dargestellt werden. Alle anderen Vorteile liegen bei den Herstellern. Neu gerechnete Objektive - wie armselig sind doch viele Objektive am digitalen Vollformat, selbst bei Verkaufspreisen von deutlich mehr als dem halben Durchschnittslohn, etwas über 1250 Euro. Und natürlich werden neue Kameramodelle auf den Markt geworfen und neues Zubehör.

Und wie geht es weiter?
Das vom Marketing angeheizte Begehren nach dem digitalen Format in 24×36 mm überbrückt die Zeit des technischen Stillstandes bis zu den künftigen Bildsensoren und den ausschließlich digitalen Kameras, die derzeit nur als Digicams existieren und mit kleinen Bildsensoren ausgestattet sind. Es wird derzeit in winzigsten Schritten, geht es nach den Herstellern am besten gar keine, neue Technik in die Produkte geholt, jene von 2005 wird einfach als Technologie vermarktet. (Ein Lärmwort kostet gar nichts.) Und Marketing macht genau das, was ihre Aufgabe ist, die Produkte einer Auftraggeberin im Gespräch, sprich in den Köpfen zu halten, auch mit den Mitteln der professionell gestalteten Marktschreierei.

Erst wenn die vermögendere Käuferschicht der „alten Herren“ die unerfüllten Wünsche ihrer Jugendzeit nach Spiegelreflexen, als eine der konsumstärksten Käufergruppen nicht mehr nachfragt, dann wird der Anachronismus der Fototechnik, eben die Spiegelreflextechnik, ausgedient haben. Erst dann ist der alte Gaul totgeritten.
Das Format mit 24x 36 mm ist nicht wichtiger als alle anderen Vollformate.

© 2008 Adrian Ahlhaus. Alle Rechte beim Autor.

One Response to “Braucht die Fototechnik das Kleinbildformat?”

  1. Eine Frage: Warum eigentlich DSLR? - PHOTOS OF NO CONSEQUENCES Says:

    [...] bringt und seinen Beitrag an Greenpeace und WWF entrichtet. Adrian trifft es mit seinem Artikel Braucht die Fototechnik das Kleinbildformat? wieder mal ganz gut. Erst wenn die vermögendere Käuferschicht der „alten Herren“ die [...]