Gedanken zur Bedeutung der technischen und der bildlichen Qualität
Juli 26th, 2010Als zu Beginn 2009 bekannt wurde das kunsthistorisch wichtige Fotografien das Sprengel Museum verlassen werden, ein archivalisch einmalige Ouevre der Klassiker mit Werken von Renger-Patsch, Blossfeldt, August Sander, Germaine Krull und Alfred Ehrhardt, wie schon andere bedeutende Sammlungen zuvor an die Isar gehen werden in die Pinakothek der Moderne, da war ich enttäuscht das sowohl im Rheinland der Kunstverein Bonn die Sammlung nicht halten kann, wie auch die Hannoveraner die Leihgabe von bedeutenden Werke der Photographie des Ehepaares Ann und Jürgen Wilde abgeben müssen.
Man kann verstehen das ein neues, moderneres, alles zusammen führende Konzept jedem Sammler gefallen muss, zudem andere herausragende Sammlungen der Photographie bereits ihren Weg nach München gefunden hatten, und nun ein zentraler Ort für eine fotografische Bilderschau entstand, schon da das Geld für ein solch ambitionierte Bestreben vorhanden war, was weder Köln noch Bonn oder Hannover bieten konnten.
Wenn ich diesen Vorhang erinnere stellt sich mir die Frage was das eigentlich sind, sammlungswürdige Bilder oder Negative.
Zum einen – worin wohl viele zustimmen können – ist es die technische Qualität, die es möglich macht das ein Bild die Zeiten überdauert. Jenes gemeinhin „erste“ Foto der Welt von Niepce ist mitnichten die Nummer eins, sondern nur dasjenige das aus der Frühphase seines Experimentierens erhalten blieb. Man weiß das frühere Aufnahme verloren gingen, da die Voraussetzung fehlte ein lichtbeständiges Foto zu schaffen, das die ersten Jahrzehnte überdauerte, bis es einen Sammlerwert hatte, also es an der technischen Qualität ermangelte, um über viele Jahre aufbewahrt zu werden. Das tatsächlich erste Fotos von Josef N. Niece ging schlichtweg verloren.
Und dies geschieht auch heute mit vielen Fotos, tagtäglich und allerorten. Zum einen widerstehen viele Fotos die Bedingungen der Lagerung nicht, werden dauerhaft dem zu hellen Licht ausgesetzt und verbleichen, andere erleben ihre Selbstzerstörung wegen Feuchtigkeit oder chemischer Rückstände.
Zudem sind da noch jene Nachlassnehmer, die Unmengen von Fotos und Fotoarchive zu Müll erklären und entsorgen.
Sicherlich, unendlich viele Fotos sind banal oder werden es, wenn die Erinnerung an bestimmte Ereignisse mit den Personen verschwinden. Jedoch mag das ein oder andere Foto dabei ebenso unwiderbringlich verloren gehen, das man ein Zeitdokument nennen könnte. Nur, wer in der Gegenwart weiß schon mit Sicherheit was für die Nachwelt bedeutsam ist? Viele alte Fotos erhalten den Wert rostiger Nägel und Schrauben zugeschrieben, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen aufbewahrt wurden.
An die Frage einer zukünftige Bedeutung von Fotos kann man ebenso von der anderen Seite heran gehen. Wer sich heute an Fotos erinnert, kennt nicht eben so selbstverständlich den Bildkünstler. Es gibt viel zu viele interessante Werke, die uns tagtäglich begegnen und noch mehr bildliche Zitate. Und, wer heute Berühmtheit erlangt, wird dies nicht mit Gewissheit in 200 Jahren sein. Dann mögen jene derzeit geläufigen Namen in einer kunsthistorische Rücksachau kaum mehr sein als Fußnote, während ein heute wenig beachteter Fotoschaffender den Weg für eine ganze Generation von Fotografen wies. - So hat jedes Foto seine eigene Zeit und Geschichte.
Es sind die Sammler die bemüht sind eine große Auswahl zu erhalten und die Kunsthistoriker und Kuratoren, die wenn auch nicht immer selbstlos, also für ihre eigene Bedeutung, bildliches Material gebrauchen, um historische Zusammenhänge zu schaffen. Denn so manches stellt sich dabei als Irrtum, ja dummes Geschwät heraus, wie etwa jenes „Wissen, ich lebe nun mal in Niedersachsen, das jahrzehntelang über das „Niedersächsische Hallenhaus“ durch die Kunstgeschichte geisterte und Heimatmuseen geisterte, eine Gebäudeform, für den Hausbau nie als typischer Standard der Region diente. So mögen die derzeit gerne gezeigten Bildwerke eines fotografierenden Ehepaares und ihrer Zechenanlagen im Ruhrgebiets bald vergesen sein, denn es gibt viele Bilder, die mir weitaus besser gefallen, man sehe einfach mal diesen Link an. http://www.industriedenkmal.de/
Fotos sind immer wieder darauf zu prüfen, ob diese bereits als Zeitdokumente gelten müssen, weil es davon nur wenige geben mag und verallgemeinerbar sind, für ein Zeitgeschehen stehen. - Wie viele Fotos von Hochzeiten braucht man, um deren Bedeutung in der heutigen Zeit zu erklären?
Fotos haben sicherlich auch ihren künstlerischen Wert, sofern eine besondere Interpretation der Lebenswelt sichtbar wird. Doch zugleich ist dies ein Vorgang der jedem Foto anhaftet, mehr oder weniger bewusst erzeugt wird, und allein deshalb in einer Unmenge existiert. Welches Bild kann in eine stimmige Erzählung aus Bildern eingefügt werden, kann in einem größeren Zusammenhang, in einem Gesamtbild bestehen?
Ganz selten entstehen Fotos die einen einmaligen Charakter haben, die kunstgeschichtlich verortet werden können und zugleich einen Bruch mit der tradierten Seherfahrung haben, ohne lediglich anders sein zu wollen. Darum bemühen sich viele Künstler. Es entstehen dabei jedoch und häufig kaum mehr als Versuchsreihen der Sehnsucht nach einer Bedeutung. - Und darin gleichen sich viele recht gute Fotos, ob von Hobbyisten oder beruflichen Künstlern.
Die grundlegende Voraussetzung für ein Bild in der Geschichte der Photographie einen Platz zu finden, ist die Ausführung, jene technischen Qualität, die es möglich macht das ein Bild unverändert die ersten Jahrzehnte seit seiner Entstehung überdauert, bis das es zusätzlich eine historische Bedeutung gewinnt.
Dazu verhilft, so meinen die Protagonisten, das digitale Dasein im Internet, denn in der elektronischen Welt werden Fotos nicht verschwinden, zumindest nicht im technischen Sinne. Aber sehr wohl verschwinden Fotos in der Masse. Erst die Zuschreibung einer Bedeutung, zum Beispiel in einer anerkannten Sammlung, macht es möglich diese wieder zu entdecken. Das hat einen simplen Grund.
Für die Zukunft werden Sammler die entscheidende Voraussetzung bieten, das Bilder entdeckbar bleiben. Denn zu ernsthaften Sammlungen gehören Informationen. Denn wie werden Informationen zugänglich gehalten und wer verfügt darüber? So bleibt die technische Qualität umso stärker im Blick. Wie können alte Informationen bewahrt werden?
Die digitale Welt steht sicherlich erst am Anfang einer verwahrenden Technik. Man denke nur an die anfängliche Euphorie bei Erscheinen der CDs, als diese gesammelt wurden und jene Ernüchterung, weil eine beschädigte CD bedeuten konnte das darauf jede Information verloren ging.
Die technische Qualität eines Bildes beginnt mit der Qualität der Aufzeichnung. Damit wird die Voraussetzung geschaffen das eine Sammlung in der Zeit bleibt. Es bedeutet allerdings nicht das diese damit bereits Bedeutung gewinnt. Doch je älter sie wird, desto größer ist die Chance. - In fünftausend Jahren könnten rostiger Schrauben als wichtige Entdeckung gelten, die als Teil eines Puzzles aus Artefakten einen Aufschluss geben über den Stand unserer Industrie.
Die künstlerisch, bildliche Qualität wird in jeder Zeit neuen Kriterien unterworfen. Dabei gingen und gehen viele Informationen verloren, wie die Kunstgeschichte zeigt. In welchem Zusammenhang entstand ein Bild und welche Farbstoffe wurden verwendet, sind Fragen, denen man sich vielfach widmet, um ein Bildwerk umfassender in einen Zusammenhang zu bringen. Was in seinem Kontext uns selbsterklärend scheint mag in wenigen Generationen vergessen sein. So stellt sich die Frage, wie wichtig der Zugang mit den begleitenden Informationen ist und ob wir daran wirklich einen für die Zukunft wichtigen Anteil leisten? Oder ob ein derzeitiges Bestreben einfach alles zu sammeln nicht bereits in wenigen Jahren die Welt mit Daten erstickt. - Wenn siebzigtausend Blogs ohne Vorwarnung geschlossen werden, wie jüngst in den USA geschehen, wird dies die Welt und seine Geschichte verändern?
Im Nachhinein, so wurde aus dem Kunstmuseum Bonn kommentiert, „sei der Verlust der Wilde-Werke als gering einstufen.“
Für mich als Besucher hat die ortsnahe Sichtung von Fotos, eine Ausstellung, eine große Bedeutung. Kein Bildband kann die direkte Interpretation eines Fotos, wie diese vom Künstler kommt ersetzen, schon da die technische Realisierung, zum Beispiel als Druck in einem Katalog, einer neuen Interpretation gleich kommt. - Wer die Farben eines Monet oder Macke und andere Werke nicht im Original gesehen hat erhält lediglich eine vage Vorstellung von dem, was ein Bild zum Kunstwerk macht.
© 2010 Adrian Ahlhaus. Alle Rechte beim Autor.